© Die Weltwoche: Besser als Sex

Wenn das eigene Universum auf die Grösse eines Golfballs schrumpft, die Fixsterne des Lebens Greens sind und trotzdem alles grösser scheint als alles andere. 
Von Michael Bahnerth

Ich kenne mich aus mit Süchten, wahrscheinlich mit ziemlich vielen. Ich kenne die Mutter aller Süchte, jene nach Leben, und ich kenne ihre Tochter, die Sehnsucht. Ich kam zum Golf in einer Phase, als ich dachte, ich hätte das Wechselspiel zwischen Sucht und Leben und Leben und Sucht so oft praktiziert, dass ich mich aus seinem Griff etwas lösen könnte. Da waren etwas weniger künstliche Paradiese und etwas mehr reale Welt. Ich kam damit leidlich zurecht, umschiffte meine eigenen Klippen und lief nicht auf Grund, sondern schrammte ihn nur ab und an, ich hatte eine Frau, ein Kind, einen Oldtimer, und alles fuhr mehr oder weniger geradeaus. Ich war nicht unglücklich, glücklich hin und wieder. Dann kam Golf und blieb und begann, mein Leben in Beschlag zu nehmen.

Zwei Ehen zerbrochen
Von allen Süchten ist Golf die hartnäckigste. Als ob Golf im Stammhirn verankert ist. Vielleicht ist es das ja. Man kann durchaus Parallelen ziehen zu Jagdformen im Pleistozän, als Hominiden mit Stöcken und Steinen auf Tiere los sind. Sie warfen die Steine, liefen hinter ihnen her zur Beute und machten sie dann alle. Das ist dem Schlagen vom Fairway aufs Green und dem Versenken des Balles im Loch nicht unähnlich. Golf, wenn man so will, ist im Grunde nichts anderes als eine zivilisierte Form des Jagd- und Spieltriebes des Menschen mit dem Unterschied, dass es ihn nicht physisch nährt, sondern nur psychisch. Es nährt so sehr, dass irgendwann die Seele beginnt, danach dauerhaft zu hungern.
Golf hat wahrscheinlich nur deshalb nicht so viele Ehen zerstört wie etwa Alkohol, weil weniger Menschen Golf spielen als Alkohol trinken. Wer süchtig ist nach Golf, tut gut daran, Single zu sein; eine Frau zu haben, die ihr Interesse an ihm verloren hat; oder eine zu haben, die auch süchtig ist nach Golf. Vor einem Jahr lief ich beim Loch 14 des Engadine Golf Club – jenem Loch, in dessen Nähe der britische Golfer und Professor John Plant, ein Handicap-0-Spieler mit der Tendenz zu kleinen Betrügereien, wie den Ball mit der Fussspitze auf ein besseres Stück Rasen zu befördern, seine Asche verstreuen liess – auf einen siebzigjährigen Golfer auf, wir sprachen kurz miteinander, und später im Klubhaus erzählte er, dass seiner Leidenschaft für Golf zwei Ehen nicht standgehalten hätten. Seine zweite Frau hätte er beinahe zum Golfspielen gezwungen, nach der Erfahrung mit der ersten Frau, die zuerst über seine Golfleidenschaft tolerant gelächelt, später gegen sie gestichelt und schliesslich sie ihm vehement vorgeworfen und ihn dann vor die Wahl gestellt habe. Aber er habe keine Wahl gehabt, und das habe sie nie begriffen. Seine zweite Frau wollte zwar Golf spielen, aber sie habe kein Talent dafür gehabt: «Ach, geh du alleine», sagte sie, bevor sie anfing zu fragen, ob Golf wichtiger sei als sie. Also sei er alleine los, ein Wochenende da auf einem Platz, ein Wochenende dort auf einem Platz, Ferien im Golfhotel und so weiter, und dann sei er sie eines Tages los gewesen, was seinem Golfspiel aber nicht geschadet habe oder nur kurz jedenfalls, ein wenig Slice sei plötzlich da gewesen, aber danach habe er umso befreiter aufgespielt. «Du weisst ja», sagte er, «je besser man mit sich selbst auskommt, desto sauberer fliegen die Bälle.»
Die grosse Frage des Golfs könnte sein, ob es über die Jahre einen Menschen aufbaut oder zerstört, aber sie stellt sich nicht wirklich. Nicht nur weil Golf ist wie das Leben, das auch beides tut und sich in einem pausenlosen Wechsel aufbaut und zerstört, bevor es sich ganz verabschiedet. Sie stellt sich deshalb nicht, weil Golf für alle, die nicht nur ein bisschen Bälle schlagen, weil es en vogue ist, und die erst im Klubhaus zu wahrer Form auflaufen, eine Sucht ist, etwa Irreales. Da draussen auf den Greens sind viele erwachsene Männer und ein paar erwachsene Frauen, die ihren mentalen Zustand abhängig machen vom Golf, nebst allem andern wie Beziehung, Kinder, Job und so weiter. Die ein wenig werden wie Manisch-Depressive. Nach einer gelungenen Runde umarmen sie die Welt, nach einer misslungenen würden sie gerne kotzen, wenn sie dafür nicht zu apathisch wären.

Wunderschlag aus dem Gebüsch
Aber sie kommen nicht davon los, auch nicht, wenn sie in einer jener Phasen stecken, in denen sie die Bälle anhaltend nicht richtig treffen, unaufhörlich vor sich hin fluchen, als ob sie unter dem Tourette-Syndrom leiden würden, und verlassen dann den Golfplatz als halbgebrochene Menschen und schwören sich, den ganzen Scheiss jetzt zu lassen und die Zeit für Sinnvolleres zu nutzen. Das geht einen Tag gut, zwei, drei, vielleicht eine Woche, und sie fühlen sich befreit von der Last des Golfs, doch dann drängt alles in ihnen zurück auf den Platz, und das ist ein Gefühl, das stärker sein kann als das Bedürfnis nach Sex etwa.
Golf ist eine Bitch, das ist klar. Sie gibt einem das beste aller Gefühle und das fürchterlichste. Sie macht einen da zum Helden und dort zum Verlierer. Die Schwierigkeit dabei ist, dass man die Golfbitch nie unter Kontrolle hat. Man macht sich das gelegentlich vor, ein paar Löcher lang vielleicht. Die Bälle fliegen, vielleicht gelingt einem sogar ein Draw oder ein Fade, das sind Bogenbälle, man fühlt sich unverwundbar, leicht wie ein Halbgott, man durchschreitet gerade das beste seiner Leben, und dann passiert es, obwohl man alles ganz genau so macht wie zuvor, aber der Ball fliegt nicht mehr wie von selbst, sondern holpert durch die Luft, ist meist zu kurz, da ist Slice, da ist Katastrophe, und zwischen dem inzwischen so weit weg scheinenden Elysium und der Ankunft in der Hölle des Golfs liegt ein Schlag, ein einziger.
Ich kenne einen sehr guten Amateur, Single-Handicap-Spieler. Trainiert die ganze Woche, und seine Bälle fliegen gelegentlich so, als ob sie den Himmel streicheln würden, und am Wochenende spielt er jeweils Turniere, und beim letzten landete sein vierter Ball im Gebüsch, bei einer an sich lächerlichen Annäherung mit einem Eisen 7. Die ganze Woche über ist ihm das nie passiert. Er macht alles wie immer, da sind keine nennenswerten Hindernisse, keine kleinen fiesen optischen Täuschungen von sadistischen Golfplatzdesignern, trotzdem landet der Ball nicht mal im Rough, sondern in jener Zone, in der auch das Dickicht der Psyche liegt. Das ist das Werk der Golf-Bitch. Es gibt jetzt nur zwei Möglichkeiten. Entweder gelingt ein Wunderschlag aus dem Gebüsch, und er ist gerettet bis zum nächsten Unglück. Oder er verheddert sich und ist die nächsten Bälle lang verloren bis zum nächsten Glück, das ganz nah liegen kann oder auf einem anderen Planeten.

Demut und Leidenschaft
Golf sei die Schule der Demut, hört man gelegentlich, vor allem von älteren Spielern. Demut gilt als Tugend, als eine Art von weisem Fatalismus, der darin wurzelt, dass das Unvollkommene, also der Mensch, nur ganz, ganz selten das Vollkommene, das Göttliche, schaffen kann und er, der Mensch, in seinem Bemühen, trotzdem stets nach dem Vollkommenen zu greifen, ohne es je länger als einen Augenblick in den Händen zu halten, mit würdevoller Resignation reagiert. Das ist wie mit dem Spatzen in der Hand und der Taube auf dem Dach.
Jeder ernsthafte Golfer hat ein paar Bälle für die Ewigkeit geschlagen, vollkommene Bälle. Und bei jedem Ball, den er schlägt, hofft er, es möge wieder geschehen, solch ein Ball der mühelosen Perfektion, und dann muss er nehmen, was kommt. Wahrscheinlich liegt darin die Demut. Persönlich finde ich, Demut beim Golf ist ganz grosser Mist, weil sie auf Kosten der Leidenschaft geht. Leidenschaft ist nie demütig, und ohne Leidenschaft ist das Vollkommene ohnehin so weit weg wie ein 170 Meter entferntes Green, das man mit einem Pitcher erreichen möchte.
Golf ist schlagen oder geschlagen werden, jedes Mal, wenn man sich hinstellt und abschlägt mit dem Ziel, Bewegung und Geist in absoluter Harmonie schwingen zu lassen. Es ist gleichzeitig Erinnerung an das Absolute und künftige Hoffnung darauf. Es sind diese Momente, wenn man die Flugparabel eines optimalen Balles verfolgt, diese Sekunden, wenn die Welt nur daraus besteht, und vielleicht ist sie dann da, die Demut, wenn auch in einer ekstatischen Form.
Natürlich sind Golfspieler Egomanen und Exzentriker. Das geht gar nicht anders. Kein anderer Sport, ausser vielleicht Schachspielen, ist einsamer. Wenn man es pathetisch will, ist es so; ein Mann, ein Schläger, ein Ball und siebzig Schläge Zeit, bei null rauszukommen. Und die Möglichkeit, bei jedem Loch das scheinbar Unmögliche zu schaffen und das Mögliche zu verfehlen.

Das Wunder passierte am 12. Loch
Unlängst war das Masters-Turnier in Augusta, Georgia, das mit dem grünen Jackett für den Sieger. Tiger Woods gewann. Es war der Triumph des Unmöglichen über das Mögliche. Eine Sternstunde nennt man so etwas. Woods, der nach seinen Erfolgen vor zehn Jahren nur noch sich selbst schlug, ein ums andere Mal, der noch 75er-Runden auf 70er-Plätzen spielte, wenn es ihm einigermassen lief, oder der gar nicht mehr spielte, der Tabletten schluckte anstelle von Siegen. Er stellte seinen Swing um, sein Leben auch, die Sucht blieb dieselbe, und er kam zurück am Sonntag, den 14. April. Er lag zwei Schläge hinten vor der letzten Runde, als das Wunder begann. Das Wunder passierte am 12. Loch, das Golden Bell heisst und eines der schönsten auf der ganzen Welt ist, ein Par 3, 141 Meter nur, aber wegen der Luftturbulenzen dort eine Bitch. Mal weht sie einen in den Himmel, mal ins Verderben. Die Spieler vor Woods patzten, trafen die Teiche, aber Woods spielte einen unvergesslichen Ball mit dem Eisen 9, nach dem 12er war er Co-Leader und gewann schliesslich. Es hat mich zu Tränen gerührt, dieses Golf, das da und dort war wie ein neues Licht eines scheinbar erloschenen Sternes.
Wir Amateurgolfer sind nur Sternenstaub, der sich hin und wieder zusammenballt und dann stärker zu leuchten glaubt, als er es tatsächlich tut. Aber wir sind in dieser Umlaufbahn des Golfs, wir sind Gefangene in ihr, Ball für Ball, wir lieben sie, wir verfluchen sie. Aber wir kommen nie von ihr los. Ihre Gravitation ist stärker als all die Fliehkräfte in uns. Es hat ein paar tausend Bälle vielleicht gebraucht, bis ich in dem englischen Professor John Plant, dem Mann, dessen Asche im Engadine Golf Club bei Loch 14 verstreut ist, keinen narzisstischen Exzentriker gesehen habe, sondern einen ganz normalen Golfspieler.